gaby wartmann-gottpreis

Der Orient war für Gaby Wartmann - Gottpreis, noch lange bevor sie ihn zum ersten Mal bereiste, immer ein wichtiger Bezugspunkt - aber nicht im Sinne der heutigen politischen Realität, sondern als kulturgeschichtliche Projektion aus westlicher Sicht. So begegnet man seiner Bildwelt in ihrer Malerei häufig, jedoch immer nur in Fragmenten: Fragmente der Kalligraphie, von Ornamenten, wie man sie dort in der Architektur oder auf Teppichen und anderen Textilien findet. Sie versucht damit, zwei unterschiedliche Kulturen, die eigene und die fremde, einander anzunähern. Wenn dieser Versuch in der letzten Zeit grosse politische Brisanz gewonnen hat, so mag dass eine Bestätigung ihres Schaffens sein. Aber dieses geht fast nie von Aussagen und Inhalten aus, sondern immer von bildnerischen Fragestellungen. Zwar ist Literatur wichtig für die Künstlerin, aber nicht im Sinne einer Illustration, sondern in demjenigen von Texten, die gar nicht lesbar, die verborgen sind - wie eben die Bruchstücke aus der Kalligraphie – und die uns damit auffordern, eigene Geschichten zu erfinden.

Dem widerspricht nicht, dass im eigenen Innern Geborgenes und Verborgenes in diesen Bildern fast unbewusst zum Ausdruck drängen kann. Dies erklärt auch die Beziehung einer weitgehend abstrakten Malerei zum Gegenständlichen. Es steht kaum je am Anfang des Malprozesses, kann aber in dessen Verlauf unwillkürlich aufscheinen – wobei es natürlich wieder weitgehend Sache der Betrachtenden ist, es als solches zu wahrzunehmen beziehungsweise zu interpretieren. Die damit gewonnene Vielfalt der Deutungsaspekte bewahrt dieser Kunst ihre Offenheit.

Ausgangspunkt eines Bildes ist einerseits die Farbe, nicht entschieden ausgewählt, sondern eher einer momentanen Befindlichkeit entspringend. Ein intensives Blau lässt unwillkürlich an orientalische Innenräume denken; ansonsten ist die Farbgebung meist zurückhaltend, bevorzugt Töne im Grau-Beige-Bereich. Auf der anderen Seite ist das haptische Erleben und Erfühlen des Bildträgers wesentlicher Schaffensimpuls; die Hand ist denn auch ein signifikantes Bildmotiv. Beim Zerknüllen von Transparentpapier wird dieses Erleben besonders intensiv. Und die Künstlerin liebt es, Papier übereinander zu kleben, zu schichten. Aber beim näheren Hinschauen ist nicht immer alles das, als was es auf den ersten Blick erscheint. Scheinbar Zerknittertes und Gefaltetes kann auch blosses Tromp-l’oeil sein, gemalt in einer ebenso komplexen wie raffinierten Mischtechnik, die etwa auch Farbe mit Bleistift, Öl mit Acryl kombiniert. Man muss also hier mehr denn je genau hinschauen

Auf diese Weise entstehen Strukturen, Bildräume, die den Blick in die Tiefe ziehen und ihm dann doch Grenzen setzen. Sie erzeugen damit auch Bewegung – wobei der erste Eindruck vieler Arbeiten doch derjenige der Stille ist. Die Malerin schafft Transparenz und verhüllt und verbirgt wieder, verpackt etwa den ganzen Fornogletscher. (Das ist übrigens eines der wenigen Bilder, denen eine Skizze voranging: der Versuch, das Gebirge tatsächlich aus zerknittertem Papier zu formen statt es bloss so aussehen zu lassen.) Das alles sind zunächst bildimmanente Phänomene, die aber durchaus eine Deutung in einem psychologischen, letztlich auch sehr persönlichen Sinne erlauben. Da glaubt man Kommunikationsfreude zu verspüren, das Bedürfnis, sich mitzuteilen und auszutauschen, aber auch den Willen, die nötige Distanz zu bewahren und sein Innerstes nicht preiszugeben.

 Martin Kraft